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…Anfang Oktober wurde ein Bauwagenplatz in der Schützenstraße in Hamburg-Altona platt gemacht, die Bewohner brachten ihre Wägen aber in Sicherheit, bevor die Polizei samt schwerem Gerät anrückte. Kurze Zeit später war der Wagenplatz am Paciusweg in Eimsbüttel an der Reihe. Unter dem altbekannten Verweis: „Der Senat duldet keine rechtsfreien Räume“, wurde großspurig das Aus für alle Hamburger Bauwagenplätze bis zum Jahr 2006 verkündet. Zu dem Zeitpunkt war bereits der Räumungstermin für „die Bambule“ auf den 31.10.2002 festgesetzt worden. Mitverantwortlich dafür: Der spätere „Zaunkönig“ Markus Schreiber. Dieser war bereits im Jahr 2002 Bezirksamtschef im Bezirk Mitte, zu dem auch das Karoviertel gehört.

Die „Ruhe“ vor dem Sturm

Vor der angekündigten Räumung fanden verschiedene Aktionen statt, die zum einen das Ziel hatten, einen neuen Platz zu besetzen: So zum Beispiel einen Platz auf St. Pauli und einen Teil eines Bahngeländes in Altona, heute auch bekannt als geplante „neue Mitte Altona“.
Außerdem wurde ein Haus am Fischmarkt besetzt, am nächsten Tag aber wieder von der Polizei geräumt, genauso wie die besetzten Brachflächen. Zum Anderen fanden in den Tagen vor der Räumung einige Demos und andere Aktionen statt, von denen allerdings keine mehr als 500 Teilnehmer zählte. Dies alles ließ den neuen Senat erwartungsgemäß kalt.

Die Räumung

Am frühen Morgen des 4.11.2002 wurde der Platz im Karoviertel von 2000 Polizisten samt schwerem Gerät geräumt. Es war offenkundig, dass der Senat nicht noch eine Niederlage wie 1994 kassieren wollte und mit diesem riesen Aufgebot eher auf „Nummer sicher“ ging. Und so traten sich viele der 2000 eingesetzten Polizisten eher gegenseitig auf die Füße, als aktiv an der Räumung beteilgt zu sein. Zum Anderen stellte dieses enorme Aufgebot an Polizei eine eindeutige Ansage an „linke Szene“ und Co dar: Ab jetzt sollte nicht mehr gekleckert, sondern ordentlich geklotzt werden. Dieser Senat wollte nichts anbrennen lassen.
Laut Augenzeugen ging die Räumung den Umständen entsprechend „ziemlich peacig“ von statten, was zum einem großen Teil der reichlich anwesenden Presse geschuldet war.
Mit der „Peacigkeit“ seitens Senat und Polizei sollte dann im weiteren Verlauf des Tages bald Schluss sein. Im Anschluss der Räumung folgte eine Demo samt Bauwagen und der Versuch auf den Uni-Campus zu gelangen. Dies wurde jedoch von der Polizei und der Unileitung verwehrt. Nach einem mehrstündigen Polizeikessel wurden die Bewohner samt Wägen gezwungen, in Richtung des Stadtteils Hammerbrook zu fahren. Von da aus ging es dann nach Harburg in eine Hundehalle(!) wo die Bewohner samt Wägen mehr als eine Nacht lang festgehalten wurden.
Einmal mehr erwies sich der freie Radiosender „Freies Senderkombinat (FSK)“ als sehr wertvoll. In der gesamten Hamburger Medienlandschaft (von der taz mal abgesehen), war er der einzige Sender, der Zeitnah und ohne Polizeipropaganda über den Umgang des Senates mit „der Bambule“ berichtete. Auch im weiteren Verlauf der Proteste gegen den Senat und Bauwagenpolitik entwickelte sich der Sender zu einem wichtigen Medium, welches noch am selben Abend zur Mobilisierung zu einer ersten Spontandemo genutzt wurde.
Bezirksamtschef Markus Schreiber zog am Abend des 4.11., in völliger Verkennung der Lage, das zynische Resümee: „Es ist der Stärke von Polizei und Bezirksamt zu verdanken, dass alles so glatt gelaufen ist“.

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Hamburg mit Herz: Schnappschuss am Tag der Räumung

„Hamburger Wetter“

Lange ruhig bleiben sollte es allerdings nicht. Schon am Abend nach der Räumung starteten mehrere hundert Menschen zu einer unangemeldeten Spontandemo von der Schanze in Richtung Altona. Die Polizei hatte ähnlich wie der Bezirksamtschef die Lage falsch eingeschätzt und war mit Verhältnismäßig wenig Personal vor Ort, welches schon nach kurzer Zeit größte Mühe hatte, mit der Demo Schritt zu halten. In Altona wurde die Demo dann von Wasserwerfern angegriffen. Dies zog dann Barrikadenbau und weitere kleinere Auseinandersetzungen mit der Polizei nach sich, die sich bis spät in die Nacht hinzogen. Angesichts der vielen großen und kleinen Gruppen von Aktivisten, die sich hauptsächlich in den Stadtteilen Altona und St. Pauli bewegten, verlor die Polizei zunehmend den Überblick. Ein „Spiel“, welches sich in den nächsten Wochen und Monaten viele Male wiederholte und Senat wie Polizei bis zum Frühling des Jahres 2003 beschäftigen sollte. Bis dahin sorgte die von den Medien wahlweise als „Chaoten“-, „Bambule“-, „Bauwagen“- oder später „Anti-Schill“- getaufte Bewegung noch für einiges an Aufsehen.
Gerade für die Hamburger Polizei geriet das Ganze immer mehr zu einer großen Belastungsprobe. Es wurde ein erhöhtes Aufkommen an Überstunden und andere körperliche Belastungen beklagt. Folgerichtig war bald auf jeder „Bambule-Demo“ die Parole „Für mehr unbezahlte Überstunden“ zu hören.
Auf jede einzelne Aktion einzugehen, würde den Rahmen sprengen, deshalb eine kurze (unvollständige!) Zusammenfassung der Geschehnisse in den Tagen nach der Räumung bis zum Tag der ersten bundesweiten Demo für „die Bambule“ (Quelle Indymedia):
5.11.: Die in Harburg verbliebenen Wagen und Leute wurden morgens von der Polizei umstellt, die Wagen „sichergestellt“, die Leute in Gewahrsam genommen und zwangsweise ins Bezirksamt gebracht. Am Nachmittag brach eine Spontandemo vom Uni-Campus in Richtung Innenstadt auf. Abends folgte eine weitere Demo mit über 500 Teilnehmern vom Dammtor in Richtung Karoviertel. In mehreren Städten fanden Solidaritätsaktionen statt: Osnabrück, Köln, Hanau
6.11.: Tagsüber Fahrraddemo in Hamburg. Blockade des Feierabendverkehrs in Bremen. Im Anschluß an eine Solidaritätsdemo für die Bambule am Abend ziehen über 500 Leute durch St. Pauli. Sachschäden an Polizeiwache und Einsatzfahrzeugen. Mindestens 30 Festnahmen nach Wasserwerfer und Schlagstockeinsatz.
7.11.: Heute konnten die Bambulistas ihre von der Polizei beschlagnahmten Wagen wieder in Empfang nehmen. Was nun genau geschieht ist weiter unklar. Am Abend blockierten kurzzeitig 50 Leute aus Solidarität mit der Bambule eine Kreuzung in Norderstedt (im Norden Hamburgs).
9.11.: Erneute Demo von der Sternschanze zum Karoviertel, erneut ein riesiges Polizeiaufgebot. Nachmittags Musik für Bambule in der Wandelhalle (Hauptbahnhof). In Leipzig fand eine Solidaritäts-Aktion statt.
10.11.: Sonntagnachmittag – Fussballzeit: Vor dem ehemaligen Platz der Bambule findet ein Fussballturnier statt.
12.11.: Auf der Mönckebergstraße fand ein SleepIn statt. Während einer Ausstellungseröffnung zum Thema Obdachlosigkeit in Hamburg solidarisierten sich die Macher mit der Bambule.
15.11.: Critical-Mass-Fahrradtour.

Neben den genannten Aktionen kam es in den Tagen nach der Räumung immer wieder zu Sachbeschädigungen an städtischen Gebäuden, wie z.B. der berüchtigten Lerchenwache im Schanzenviertel und an Banken. Aufgrund der Dichte und Unkontrollierbarkeit der verschiedenen Aktionen entschloss man sich seitens der Polizei für dauerhafte Präsenz auf der Straße. Alle neuralgischen Punkte vom Karoviertel über St. Pauli und Schanze bis Altona wurden dauerhaft von Fahrzeugen („Wannen“) der Polizei besetzt. Nach und nach fanden sich die Bewohner dieser Stadtteile, insbesondere Bewohner von Wohnprojekten und Wagenplätzen, in einer Art Ausnahmezustand wieder. Unter anderem wurden am Straßenrand abgestellte Bauwagen von der Polizei mit gezogenen Schusswaffen durchsucht.
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Demo am Abend nach der Räumung

You‘ll Never Walk Alone

Auch nach den Heimspielen des FC St. Pauli kam es jetzt regelmäßig zu spontanen, unangemeldeten Demos. Bis in den Dezember hinein versammelten sich alle zwei Wochen mal mehrere hundert, mal über tausend Menschen spontan vor dem Nordeingang des Hamburger Dom. Gerade diese Demos waren aufgrund ihrer Entschlossenheit und Schnelligkeit einerseits und der schon eingesetzten Dunkelheit andererseits ein Dorn im Auge der Polizei. Außerdem fanden diese Aktionen immer in unmittelbarer Nähe des Karoviertels statt und auch bis zur Innenstadt und zum Kiez war es nicht weit. Ein damals im Internet aufgetauchtes Video, benannt nach den „Merkur“-Einheiten der Polizei fängt die damalige Stimmung bei der Hamburger Polizei gut ein. Desweiteren wird auch die Unfähigkeit deutlich, den spontanen Protest in „geregelte Bahnen“ zu lenken. In dieser Situation verließ sich die Hamburger Polizei einmal mehr auf Knüppel, Wasserwerfer und Einkesselung hunderter Menschen. Wirklich Erfolg hatte sie mit diesem Mittel allerdings nicht.

Im Video zu hören: Mitschnitte des Polizeifunks am Abend des 18.11.2002

Einzelhandel aus der Traum…

Am zweiten Wochenende nach der Räumung fand die erste große Demo statt, zu der bundesweit mobilisiert wurde. Mehrere tausend Menschen kamen und in Ketten gehen war auf einmal wieder modern, ebenso die faktischen Innenstadtverbote für linke Demos. Was erst nur Bambule betraf, galt einige Monate später für praktisch jede linke, bzw. linksradikale Demo, deren Route durch die Mönckebergstraße und am Jungfernstieg vorbei führen sollte.
Auch die enge Umschließung („Wanderkessel“) der Demo durch die Polizei war ab diesem Zeitpunkt eine fast ständige Erscheinung auf (angemeldeten) Demos. Dass die Hamburger Versammlungsbehörde aber noch „kreativer“ werden konnte, bewies sie in der folgenden Zeit: Verboten waren bald auch Transparente mit einer Länge über 1,50 Meter, sowie „schnelles laufen und springen“. Gerade diese Auflagen waren der Hauptgrund, warum Bambule-Demos immer häufiger und heftiger Eskalierten.
Die Demo selbst an diesem Samstag blieb widererwarten relativ „ruhig“. Allerdings kam es nach Auflösung der Demo im und um das Karoviertel zu militanten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Aktivisten, bei der sich die angestaute Wut über die Räumung und das Verhalten der Polizei in den Tagen nach der Räumung, aber auch über die Schikanen während bzw. unmittelbar nach der Demo, entlud. Größere Gruppen von Polizisten in Kampfmontur, die sich provozierend in die Menge stellten, wurden eingekreist und angegriffen. Diesen blieb nur noch, sich von den herbeigeeilten Wasserwerfern mittels „Hamburger Wetter“ einen Weg aus der brenzligen Situation freischießen zu lassen. Danach zierten viele abgebrochene Schlagstöcke die Straße. In den umliegenden Straßen kam es nun zu den fast schon obligatorischen Auseinandersetzungen: Knüppelnde Polizisten und „Hamburger Wetter“ auf der einen, Barrikaden und Steinwürfe auf der anderen Seite.
Spätestens jetzt war klar, dass die Bewegung immer größer wurde und längst nicht mehr nur das Thema „Bambule“ auf der Agenda stand. Die Parole „Regierung stürzen“ machte nun die Runde. Die Telefonnummer des Hamburger Ermittlungsausschuss (EA) mussten sich immer weniger Aktivisten auf den Arm schreiben, da man sie bei den täglich stattfindenden Aktionen mindestens einmal zu hören bekam. „43278778“ können viele auch 10 Jahre danach noch im Schlaf aufsagen.

…Bambule unterm Weihnachtsbaum

Einer der Höhepunkte dieser Tage war auch die bundesweite Demonstration am letzten verkaufsoffenen Samstag vor Weihnachten. Auch dieses Mal wurde mittels eines martialischen Polizeiaufgebotes verhindert, dass eine angelmeldete Demonstration durch die Mönckebergstraße zog. Nach Ende der Demo machten sich die meisten der über 5000 Teilnehmer auf den Weg in die City, genauer, direkt in die Demoverbotszone. Die Polizei hatte diesem Zustrom nicht viel entgegenzusetzen, der von mehreren Punkten aus in die Innenstadt einsetzte. Nach relativ kurzer Zeit hallten die mittlerweile üblichen Parolen durch die „Mö“, umherirrende Wannen samt Sirene und Hundertschaften zu Fuß sorgten für das endgültige Chaos im Vorweihnachtstrubel. Direkt vor Karstadt und dem Weihnachtsmarkt kesselte die Polizei mehrere hundert Menschen ein, egal ob „Bambulist“ oder einkaufender Tourist von außerhalb. Drumherum immer wieder Sprechchöre, sich formierende Demozüge und knüppelnde Polizisten. Als Tüpfelchen auf dem „I“ gab es auch noch einen erfolgreichen Ausbruch der meisten Menschen aus dem Polizeikessel, das Chaos wurde immer perfekter. Polizisten setzten flüchtenden Menschen bis auf den Weihnachtsmarkt und in Glühweinstände nach, Stehtische mit Glühweinbechern flogen auf die Polizei und diese wiederum in die Weihnachtsmarktbesucher. Diese vergaßen nun ihren „bürgerlichen Anstand“ und sorgten zusammen mit den „Chaoten“ bei einigen Polizisten für blaue Flecken und blutige Nasen. Angesichts dessen glich das Ganze mehr einer großen Kneipenschlägerei als einem besinnlichen Abschluss des Shoppingtages bei Glühwein und Weihnachtsmusik. Während dessen zündeten Böller im bereits erwähnten Karstadt. Vom Anfang bis Ende der Mönckebergstraße hallten jetzt die Sprechchöre für Wagenplätze und gegen Schill. Die Polizei hatte vollends die Kontrolle verloren. Der Plan, dem Einzelhandel ein ungestörtes Weihnachtsgeschäft zu verschaffen, war zumindest am umsatzstärksten Tag vor Weihnachten gründlich in die Hose gegangen. Aufgrund dieses Erfolges wurde eine Wiederholung in den Folgejahren kurz vor Weihnachten immer wieder versucht, was aber nur noch ein Jahr später wirklich gelang.

„Wie weiter?“

Zwischen Weihnachten und Sylvester machte die Bewegung dann eine Pause. Bis auf einige kleinere Aktionen blieb es relativ ruhig. Anfang 2003 kam noch einmal Schwung in die ganze Angelegenheit. Der damalige regierende Bürgermeister von Beust (CDU), der sich bisher eher im Hintergrund gehalten hatte, stellte auf einer Pressekonferenz ein Ersatzgelände in Altona für die Bambule in Aussicht. Gleichzeitig machte sich aber auch immer mehr bemerkbar, dass die Luft irgendwie ein bisschen raus war. Aktionen waren zwar weiterhin relativ gut besucht, aber die „Anfangseuphorie“ war vorbei. Auch die Polizei hatte sich inzwischen immer besser auf spontane Aktionen wie die nach den Fußballspielen des FC St. Pauli eingestellt. Trotzdem hielt diese Art Ausnahmezustand bis Anfang März 2003 weiter an. Danach war dann weitestgehend Schluss mit „Bambule auf der Straße“.
Ein letztes Mal setzte die „Bambule-Bewegung“ im Jahr 2004 Akzente: 100 Bauwagen besetzten die Hafenstraße, direkt vor den ehemals besetzten Häusern. Die Polizei räumte diese Kundgebung unter Verweis auf „erheblichen Verkehrsbehinderungen“. Viele Wagen wurden schwer beschädigt und es gab viele Verletzte unter den Demonstranten, die unter dem Motto „einmal im Leben pünktlich sein“ eine Kundgebung abgehalten hatten.

Die Gerichte beschäftige dieser Fall noch bis ins Jahr 2012, das kürzlich gesprochene Urteil war erneut eine Ohrfeige für die Hamburger Polizei, die gerade seit den Bambule Protesten das Versammlungsrecht immer wieder missachtete. Im März und September 2004 versuchte der Senat noch zwei weitere Wagenplätze zu räumen, im Fall des Eimsbütteler Wagenplatzes „Henriette“ wurde dies durch eine große Bewegung verhindert. Der Wagenplatz „Wendebecken“ in Barmbek wurde trotz Protest und Widerstand, welcher geringerer ausfiel als im Fall von Bambule und Henriette, geräumt.

Regierung stürzt sich selbst

Ende 2003 kam es dann zum Bruch der Koalition aus CDU, PRO und FDP. Den Anfang vom Ende markierte der Erpressungsversuch seitens Innensenator Schill gegenüber Bürgermeister von Beust. Schill forderte die Entlassung eines Staatsrates. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, drohte Schill, die Öffentlichkeit über eine angebliche Liebesbeziehung zu Justizsenator Kusch (CDU) zu informieren. Von Beust warf Schill erst aus seinem Büro, danach war Schill seinen Posten als Innensenator los. Doch damit nicht genug: Einige Tage später folgte der Rauswurf aus der von ihm gegründeten Partei. Für Anfang 2004 wurden Neuwahlen für den Hamburger Senat angesetzt.
Das „unwürdige politische Kasperletheater mit zum Teil psychopathischen Zügen“ (Ole von Beust) war beendet, weitere Räumungen von Bauwagenplätzen vorerst vom Tisch. Die PRO erhielt bei den Neuwahlen übrigens nur noch 0,4 %…

Und heute?

So bezeichnend peinlich wie lächerlich der Abgang Schills und wenig später der Koalition aus CDU, PRO und FDP auch war: Die „Ära Schill“ hat in Hamburg Spuren hinterlassen. Schärfere Polizeigesetze und die damit einhergehende Überwachung des öffentlichen Raums nahmen damals mehr oder weniger ihren Anfang. Einrichtungen von sogenannten „Gefahrengebieten“ durch die Polizei oder die (mittlerweile vorerst eingestellte) Kameraüberwachung der Reeperbahn und des Hansaplatzes in St. Georg einerseits, sowie die Ausgrenzung und Vertreibung von Obdachlosen und anderer Menschen andererseits, wurde durch Schill und Konsorten politisch der Boden bereitet. Dass diese „law and order“ Maßnahmen mittlerweile längst nicht mehr nur die „Spezialität“ von CDU-Politikern oder sogenannten Rechtspopulisten ist, hat „Aushilfs-Schill“ und „Zaunkönig“ Markus Schreiber erst kürzlich eindrucksvoll bewiesen.

„Für mehr Bauwagenplätze!“

Um die Bambule selbst ist es seit einigen Jahren relativ ruhig geworden. Zum 10. Jahrestag der Räumung des Platzes im Karoviertel blieb es bis auf eine -durchaus gelungene- unangemeldete Aktion ruhig in Hamburg.
Angesichts von immer knapper werdendem Wohnraum und Mietenwahnsinn, der längst nicht nur arme Bevölkerungsteile trifft, ist seit einigen Jahren die „Recht auf Stadt“-Bewegung aktiv. Unter diesem Kürzel wurden und werden Häuser und Plätze besetzt und Widerstand gegen (zu) hohe Mieten und kapitalistische Stadtentwicklung organisiert. Diese Bewegung hat in den letzten Jahren einige kleine und größere Erfolge zu verzeichnen: Neben den (relativ) erfolgreichen Kämpfen um das Gängeviertel, dem Wagenplatz Zomia und anderer Projekte ist das Thema Stadtentwicklung und somit auch hohe Mieten und knapper Wohnraum zu einem breit diskutierten Thema in Hamburg und darüber hinaus geworden. Hausbesetzungen erfahren eine Renaissance und sogar die Springerpresse berichtet zumindest teilweise wohlwollend. Wenn auch die einst sehr große Bewegung für Bambule nicht mehr existiert, so ist doch festzustellen, dass der Kampf für ein Recht auf Bauwagenplätze nun auf einer viel breiteren Basis geführt wird und diese Wohnform heute viel mehr Befürworter findet als noch vor 10 Jahren.

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