Archiv für Januar 2013

Die Schanze versinkt mal wieder in Drogen und Gewalt

Es fing vor zwei Wochen mit einem „Brandbrief“ von Oliver Hörr, seines Zeichens Besitzer der Kneipe „Saal II“ im Schanzenviertel, an. Dieser Brief wurde Mitte Januar beim News-Portal altona.info in Teilen veröffentlicht. Dort ist dann von verschiedenen Gewalttaten vor seinem Laden die Rede. Hörr blieb in dem Brief eher schwammig und machte für dieses „ausufernd asoziale Spektakel“ eine „Suff- und Drogenszene“ verantwortlich, die sich ihre Drogen entweder bei Dealern oder an einem der Kioske in der Nähe holen würde. Verschiedene Hamburger Zeitungen veröffentlichten einige Tage später Artikel, in denen vor allem Dealer für die Missstände im Flora-Park und der restlichen Schanze verantwortlich gemacht wurden.
Das Problem, bzw. das Feindbild ist also klar. Viel erklären muss man dann auch nicht, schließlich weiß ja jedes Kind, dass Dealer die Wurzel allen Übels sind. Noch dazu, wenn sie „Schwarzafrikaner“, bzw. „Ausländer“ sind. Und wenn dann auch noch das „ausufernd asoziale Spektakel“ einer „Suff- und Drogenszene“ dazu kommt…
Doch dazu später mehr.
Der Zustand, dass es in der Schanze zu bestimmten Zeiten immer „unangenehmer“ wird, ist nicht einfach so vom Himmel gefallen. Ist es doch eher die „Ballermanisierung“ der Schanze, die einen großen Teil dazu beiträgt, dass die Stimmung in der Schanze immer aggressiver wird.
Wie eben auch der Kiez, der am Wochenende von Zehntausenden besucht wird, ist auch die Schanze vom immer größer werdendem „Partytourismus“ betroffen. Insbesondere in unmittelbarer Nähe des Flora-Parks, am Schulterblatt, kann man diese Entwicklung seit Jahren verfolgen. Eine Entwicklung übrigens, auf die gerade die Bezirkspolitik großen Einfluss hat und hatte. Dass sowas auch mehr Gewalt mit sich bringt, wollen einige Bezirkspolitiker und Gastronomen, die vom großen „Schanzen-Hype“ profitieren, nicht wahrhaben.
Die jetzige Kampagne gegen eine „Suff und Drogenszene“ gab es in ähnlicher Form schon im letzten Sommer, als einige Schanzenwirte und der Bezirkspolitiker Mark Classen (SPD) ähnliches behaupteten, nur das man zu dem Zeitpunkt noch auf Dealer als Sündenböcke verzichtete.
In einem Beitrag des Lokalsenders HH 1 kann man sehr gut nachverfolgen, welche Gründe wirklich hinter den „Brandbriefen“ und Kampagnen gegen die „Suff- und Drogenszene“ stecken. Es geht in erster Linie ums Geld, denn die Kioske sind seit längerem ein Dorn im Auge einiger Schanzenwirte, da man annimmt, dass die Kioske den eigenen Umsatz schmälern.
Es wird unterschieden zwischen denjenigen, die sich die Preise der „Erlebnisgastronomie“ nicht leisten können oder wollen, und denjenigen, die das nötige Kleingeld haben, um ihre (flüssigen) Drogen in einem „Schanzenlokal“ wie z.B. dem „Saal II“ zu konsumieren. Letztere sind natürlich weiterhin willkommen, während Erstere für die negative Entwicklung in der Schanze verantwortlich gemacht werden.

Schill lässt grüßen

Überhaupt scheint man sich momentan verstärkt wieder „Konzepten“ zu bedienen, die vor 10, 15 Jahren schon einmal Hochkonjunktur hatten: Die Vertreibung von Menschen, die nicht in das Bild einer „sauberen“ Stadt, bzw. eines immer „schicker“ werdenden Stadtteils passen.
Ein Beispiel ist die kürzlich erfolgte Vertreibung von Menschen aus dem Bereich des Hauptbahnhofs, die nicht in das Bild des „anständigen Reisenden“ passen. Hier wurden sogenannte „Randständige“ dafür verantwortlich gemacht, dass der Hauptbahnhof nicht als „Visitenkarte Hamburgs“ taugen würde, weil es überall nach Urin stinken und „dreckig“ sein würde. Nach einigem Hin und Her entschloss man sich seitens des Bezirks Mitte, der Bahn das Hausrecht über den bis dato öffentlichen Raum am Hauptbahnhof zu übertragen. Der Hauseigene „Sicherheitsdienst“ setzte das Hausrecht dann durch…
Nur kurze Zeit später wurde in Altona der Bereich um den Bahnhof Holstenstraße/Neue Flora von der Bezirksversammlung zum „Brennpunkt“ erklärt, um dem angeblichen „Unwohlsein vieler Anwohner und Reisendender“ zu begegnen. Es ging aber nicht um den dort ständig wachsenden Verkehr oder steigende Mieten.
In einer Mitteilung der Altonaer CDU hieß es: „Öffentliche Trinkgelage prägen das Straßenbild und führen zu verstärkten Lärm- und Müllbelästigungen”, regelmäßig komme es außerdem zu Pöbeleien oder Auseinandersetzungen. Auch hier wurde wieder die Gleichung „Randständige sind schuld an Dreck, Gewalt und Verwahrlosung“, aufgemacht. Nebenbei sei angemerkt, dass das Bild von „das Straßenbild prägenden Trinkgelagen“ absolut nicht der Realität entspricht. Nun soll zur Lösung der Probleme ein Runder Tisch eingerichtet werden.
In der Schanze zieht man nun selbiges in Betracht: So werden an einem Runden Tisch Ideen wie zum Beispiel eine nächtliche Schließung des Parks oder Kameraüberwachung diskutiert.
Derweil bereiten Medien wie das Hamburger Abendblatt oder die Morgenpost etwaige Repressionsmaßnahmen gegen missliebige Menschen medial vor.

Rassistische Klischees vs. seriöser Journalismus

Berichtete das Hamburger Abendblatt noch erstaunlich moderat über „Probleme (die sich) 2012 verschärft“ hätten, ging die Morgenpost (Mopo) einen Tag später in die Vollen:
Dealergruppen unterschiedlicher Herkunftsländer hätten sich massiv und aggressiv in der Gegend konzentriert“. Diese Aussage wird mit einem Foto von zwei durch den Park gehenden dunkelhäutigen Menschen „belegt“. Als Bildunterschrift fungiert der Satz „Drogendealer warten vor dem Flora-Park auf Kunden, die Marihuana kaufen“.
Nicht eventuell das kalte Winterwetter, sondern allein „die Dealer“ sollen dafür verantwortlich sein, dass „der Spielplatz im Flora-Park (Sternschanze) verwaist (ist)“. Kein Wunder, schließlich stehen „die Dealer“ nicht im Park und sprechen potentielle Kunden an. Sondern, wie die Mopo schreibt, „kauern“ sie dort und „raunen: „Hey, you“. Dazu haben sie „die Hände tief in die Taschen geschoben“.
Der aufmerksame Leser soll also nur zu einem Schluss kommen:
Nämlich, dass im Park irgendwas zwischen Tier und fiesem Gangster herumlungert und „Kundschaft locken (will)“ (Mopo). Also fast so wie die böse Hexe, die Hensel & Gretel in ihr Lebkuchenhaus lockt. Das eine ist zum Glück nur ein schlechtes Märchen, während das andere „seriöser Journalismus“ sein will.
Interessanter Weise wird über die Kundschaft der Dealer, die sich durchaus zum großen Teil aus Anwohnerschaft und Besuchern der zahlreichen Kneipen (evtl. sogar Mopo/Abendblatt-Redakteure?) zusammensetzen dürfte, kein Wort verloren.
Und schon ist man dem sehr nahe, was vor mehr als 10 Jahren als große Kampagne gegen „schwarzafrikanische Drogendealer“ begann. Eine der Folgen dieser rassistischen Kampagne: Brechmitteleinsätze gegen (vermeintliche) Dealer und in der Folge einen Toten: Aichidi John starb 2001 nach einem Brechmitteleinsatz im Polizeigewahrsam.
Das alte Spiel also: Die Medien bauschen in Kampagnen ein (vermeintliches) Problem auf, bzw. präsentieren Sündenböcke für (angebliche) Missstände, bis der Ruf nach einer starken Hand laut genug ist. Der Rest ist dann, wie am Hauptbahnhof, nur noch Formsache.
Es sei denn, so eine mehr als zweifelhafte Kampagne wird von einer kritischen Öffentlichkeit, die in der Schanze nachwievor relativ stark ist, entsprechend begleitet.
Dass besagte kritische Öffentlichkeit durchaus das Potential dazu hat, etwaigen Vertreibungsplänen erfolgreich entgegenzutreten, hat sie zuletzt bei Markus Schreibers „Anti-Obdachlosen-Zaun“ unter der Kersten-Miles-Brücke (St. Pauli) bewiesen. Dieser musste nach starken Protesten und mehrfacher Zerstörung nach kurzer Zeit wieder abgebaut werden.
Inmitten der Hetze fiel ein eher alibimäßiger Satz kaum noch auf: „Entscheidend ist aber, dass die Dealer nicht einfach verdrängt werden, sondern dass das Problem nachhaltig gelöst wird“, sagt SPD Politiker Georg Werner in der Mopo.
Überleben in Altona hat da einen kleinen Tipp: Nämlich die Legalisierung von weichen Drogen wie Marihuana…

Und noch mehr „Runde Tische“

In Baden-Württemberg lässt man es richtig krachen: Unter der Regie von Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) haben sich Vertreter von Parteien, Städten und der Polizei an einem, Achtung, Runden Tisch zusammengefunden, um „Trinkgelagen“ den Kampf anzusagen. Motto des Runden Tisches: „Lebenswerter Raum“. Unter anderem sind dort Platzverbote von bis zu einem Jahr für einzelne Personen angedacht. Dagegen stinkt die angedachte Parkschließung in der Schanze aber mal so richtig ab!

Kommentieren