Lichtenhagen 2.0?

Mitte September strahlte der NDR die ebenso sehenswerte wie schockierende Doku „Ausländer raus! – Hetze gegen Flüchtlingsheim“ aus. Die Doku thematisierte die geplante Unterbringung von Flüchtlingen aus Afghanistan, dem Iran und der Türkei in einem Wohnblock in Wolgast, bzw. die ausländerfeindliche Stimmung unter einigen Anwohnern.
Einige altbekannte Ressentiments wie zum Beispiel „die Ausländer nehmen uns die Wohnung weg und denen wird alles in den Arsch gesteckt“ und viel anderer Schwachsinn wurde dort von „anständigen Deutschen“ zum Besten gegeben. Die Flüchtlinge, die gerade erst dort eingezogen waren, berichteten von Bedrohungen durch Rassisten: Diese reichten von Pöbeleien bis hin zu offen geäußerten Plänen, den Wohnblock der Flüchtlinge anzuzünden.
Auch der Bürgermeister von Wolgast, Stefan Weigler, kam in der Doku zu Wort. Angesichts einer rassistischen Parole an der Wand des Wohnblocks fiel ihm nichts Besseres ein als zu bagatellisieren: „Irgendwelche Dummköpfe haben hier Unsinn gemacht“, und „das ist ´ne Tat eines einzelnen Verstörten (…)“.
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Land der „Dichter und Denker“: In Wolgast wieder einmal unter Beweis gestellt. (Foto: NDR)

In der Öffentlichkeit schlug diese Doku einige Wellen.
Im Internet, zum Beispiel auf der Homepage des NDR, wurde die Doku sehr kontrovers diskutiert. Für viele Kommentatoren waren aber nicht die in der Doku gezeigten Vorkommnisse Grund für Empörung.
Vielmehr wurde es von vielen als Skandal empfunden, dass die rassistischen Zustände im Stadtteil öffentlich thematisiert wurden. Im Folgenden einige Zitate aus dem Online-Forum des Politmagazins „Panorama“ (sämtliche Fehler im Original):

-„eine Schande für unsere Heimat wieder mal durch einen NDR Bericht“
-„Wenn man die „Flüchtlinge“ nicht willkommen heißen will, soll es doch eher bedeuten, dass man mit seinen eigenen Problemen klar kommen muss und nicht noch neue dazu braucht!“
-„Wenn ihr nur noch solche Berichterstattungen sendet,tragt ihr nur noch dazu bei, das Feuer zu schüren. Wirklich, tolle Arbeit.“
-„Kehrt vor eurer eigenen Tür und haltet euch zurück.denn ihr habt wohl wirklich kein Recht zu urteilen.und bitte erspart uns jetzt jede Antwort von euch,denn ihr seit nicht von da und habt zu wenig Ahnung um etwas zu sagen.wie gesagt ‚kehrt vor eurer eigenen Tür‘!“
-„Wie kann es sein, dass ein nordeutscher Sender sich gegen die eigene Region stellt? Wisst ihr überhaupt, wie hoch die Wellen schlagen derzeit in Wolgast weil ihr die Unwahrheit berichtet?“
-„Seid ihr neidisch auf unsere Touristen, wollt ihr diese vergraulen???“

Und wo „das Volk“ seinen Unmut äußert, ist der Bürgermeister natürlich nicht weit. In einer als Antwort auf die Sendung formulierten Stellungnahme unterstellt er den Machern der Doku, dass diese „durch solche Berichterstattung dazu beiträgt, diesen Mob aufzufordern, ihr Unheil weiter zu betreiben.“ und „Statt Aufklärung wird Hetze betrieben und so die Menschen einer Region noch weiter verunsichert, die derartig in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken“.
Hier offenbaren sich wieder die mittlerweile fast üblichen Reflexe, wenn man vom eigenen Nichtstun, bzw. völliger Ignoranz der (rassistischen) Zustände vor Ort ablenken will. Eine Kommentatorin formulierte im Internet-Forum des NDR treffend: „Ihr seid ehrlich um den Ruf Wolgasts/Vorpommerns mehr besorgt als um die Menschen, die dort im Flüchtlingsheim auf ihren Stahlhochbetten sitzen(…)“.
Für viele Bürger, bzw. den Bürgermeister, ist nicht das eigene (Nicht)verhalten das Problem, sondern diejenigen, die auf diese Probleme aufmerksam machen.
Ereignen sich rassistische Übergriffe, wird dieses Problem entweder totgeschwiegen oder verharmlost. Lässt sich so etwas nicht mehr unter den Teppich kehren, so sind die „wahren Übeltäter“ schnell ausgemacht. Diese werden dann entweder als „Nestbeschmutzer“ dargestellt oder ihnen wird unterstellt, dass sie Nazis und Rassisten ja erst zu entsprechenden Taten provozieren. Eine klassische Täter-Opfer, bzw. Ursache und Wirkung umkehr.
So etwas ist ein mittlerweile immer öfter genutztes Mittel, um vom eigenen Versagen und Nichtstun abzulenken und diejenigen ins Abseits zu stellen, die auf solche Probleme aufmerksam machen.
Um zu verdeutlichen, dass Rassismus, Nazis und die Verharmlosung durch staatliche Stellen kein typisch ostdeutsches Problem sind, sei im Folgenden auf ein aktuelles Beispiel aus Dortmund verwiesen.

Im Westen „nichts Neues“

Dort konnte sich, vor allem im Stadtteil Dorstfeld, über Jahre hinweg weitgehend ungestört von Staat und Behörden eine militante Naziszene etablieren. Der damalige Polizeipräsident Dortmunds, Hans Schulze, behauptete lange Zeit, Dortmund habe kein Nazi-Problem, obwohl diese immer offener und brutaler auftraten. Polizeisprecher Wolfgang Wieland äußerte sich nach einer Reihe von Anschlägen im Vorfeld des von Nazis ausgerufenen „Nationalen Antikriegstages“ 2011 fast gleichgültig: „Das ist jedes Jahr dasselbe und für uns nichts Neues“.
Gerade Dortmund war und ist immer wieder Schauplatz von Übergriffen auf Migranten und (vermeintliche) Linke. Einer der traurigen Höhepunkte war der Mord durch den Nazi Sven Kahlin an einem Punk im Jahre 2005.
Ferner mussten Anwohner, die sich nicht länger mit dem Naziterror in Dorstfeld abfinden wollten, den Stadtteil verlassen, da es zu mehreren Anschlägen und Drohungen gegen sie gekommen war. Unterstützung und Schutz durch Offizielle der Stadt, Beispielsweise Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD)? Fehlanzeige! Erst nachdem der Fall über Dortmund hinaus bekannt wurde, wurde eilig eine Pressekonferenz von Vertretern der Stadt organisiert. Der Naziterror ging jedoch weiter.
Erst im Zuge der Skandale um die Naziterrorgruppe „NSU“ sah man sich offenbar zum Handeln veranlasst.
So wurden Anfang September diesen Jahres mehrere Wohnungen von bekannten Dortmunder Nazis durchsucht, der „Nationale Widerstand Dortmund“ und eine Nazidemo am 1. September verboten.
Man ließ es sich allerdings nicht nehmen, auch gegen aktive Antifaschisten aktiv zu werden, also gegen diejenigen, die über Jahre hinweg als Einzige gegen den Naziterror in Dortmund vorgingen:
Das von unabhängigen Antifaschisten organisierte „Antifa-Camp“ gegen die örtlichen Naziaktivitäten wurde kurzerhand von der Stadt verboten. Neben fadenscheinigen „Argumenten“, wie etwa einer angeblich nichtvorhandenen Abwasserentsorgung, müsse damit gerechnet werden, dass sich die Nazis durch ein Antifa-Camp provoziert fühlen könnten.
Zu soviel Dreistigkeit fällt einem nichts mehr ein.
Und OB Sierau setzte noch einen, bzw. zwei, drauf:
Wir können auch Mitgliedern aus dem Alerta-Bündnis* helfen, aus der Szene auszusteigen. und „die linke Szene ist eine Unkultur“.
Aber zurück nach Wolgast:
Natürlich gibt es im Forum des NDR auch sehr viele Kommentare, die den Machern der Doku nicht reflexartig „Nestbeschmutzung“ vorwerfen, sondern die oben erwähnte Doku richtig interpretieren. Und erfreulicherweise gibt es vor Ort auch Menschen, die sich mit den Flüchtlingen solidarisieren.
Ob sich darunter auch die um den Ruf Wolgasts Besorgten befinden, bleibt erst mal dahingestellt.

*Antifaschistisches Bündnis in Dortmund

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