Archiv für August 2012

Ei, wer ist denn das?

merkel nazis
Foto: PA/Bernd Wüstneck

Bildunterschrift in der Wochenzeitung Jungle World:
„Opfer unter sich. Bundesjugendministerin Angela Merkel (CDU) trifft sich kurz nach dem Pogrom, am 31. August 1992, zu einem Gespräch mit Nazis in einem Jugendklub, der sich in unmittelbarer Nähe zum Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen befindet“

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Pogrom in Rostock 1992: Zeitzeugen-Interview

Um die Bedingungen für diejenigen, die sich damals gegen den Naziterror und das rassistische Klima im wiedervereinigten Deutschland stellten etwas plastischer darzustellen, gibt es im Folgenden ein Interview mit 2 Aktivisten (M. und B.), die 1992 während der Pogrome nach Rostock fuhren, bzw. an der großen antifaschistischen Demo am Wochenende nach den Pogromen in Rostock teilnahmen. Beide waren damals noch relativ jung, ungefähr im Führerscheinalter. Aufgrund des großen Zeitraums, der zwischen den Ereignissen von damals und heute liegt, sind natürlich viele Erinnerungen verblasst, bzw. einiges nur schwer zu rekonstruieren. Dennoch geben die Antworten der beiden einen guten Einblick über die Situation vor 20 Jahren.

Überleben in Altona (ÜiA): Was bedeutete es, Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre als Antifaschist aktiv zu sein?

M.: Ende der 1980er Jahre hatte man es auch in Nord-Schleswig-Holstein mit einer immer offener und zugleich auch militanter auftretenden Naziszene zu tun, die sich damals vor allem aus den altbekannten dumpfen und brutalen „Naziglatzen“ zusammensetzte. Vor allem in den (Groß) Städten, aber auch auf dem Land kam es immer öfter zu militanten Auseinandersetzungen mit eben diesen noch eher unorganisierten „Naziglatzen“. Bevorzugtes Angriffsziel der Nazis waren in dieser Zeit besetzte Häuser und linke Zentren, aber auch Flüchtlingswohnheime. Ab Ende der 1980er machte sich eine zunehmende „Pogromstimmung“ bemerkbar. Auch Aufgrund dessen gab es in Schleswig-Holstein eine gute Vernetzung innerhalb der linken Szene, auch nach Hamburg bestanden gute Kontakte. Dies ermöglichte es uns, auf Naziangriffe schnell reagieren zu können. In dieser Zeit war oft die Rede von antifaschistischer „Feuerwehrpolitik“. Das heißt, irgendwo kam es zu größeren Ansammlungen von Nazis und es drohten Übergriffe oder es gab diese tatsächlich, oder es kam zu solchen Ankündigungen/Gerüchten, dann haben wir versucht ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Damals haben wir uns so relativ oft die Nächte um die Ohren schlagen müssen. Gleichzeitig gab es in der linken Szene der Stadt, aus der ich komme, auch eine enorme Aufbruchsstimmung, es gab mehrere Hausbesetzungen, viele Leute aus verschiedenen Spektren waren aktiv und auch das Kulturelle, wie z.B. Konzerte, kam nicht zu kurz.

ÜiA: Wie war die gesellschaftliche Stimmung damals?

M.: In der (bürgerlichen) Öffentlichkeit wurden Übergriffe von Nazis meist verharmlost oder verschwiegen. Teilweise war es sogar so, dass bei diesen Gewalttaten ein rechtsextremer Hintergrund vehement bestritten wurde. Sowas hat ja bis heute Kontinuität…

B.: So weit ich mich erinnere, war die Stimmung zu der Zeit ziemlich aufgeheizt. In den Medien, z.B. in der BILD-„Zeitung“ wurde gegen Ausländer gehetzt. Viele Politiker aus unterschiedlichen Parteien wollten das Asylrecht verschärfen. Und die rechtsextreme DVU holte1992 über 6 Prozent der Stimmen bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein!

ÜiA: Wie seid ihr auf die Situation in Rostock aufmerksam geworden? Internet und Co gab es damals ja noch nicht…

M.: Unsere Informationsquellen waren damals in erster Linie Telefonketten und Infoläden. Aufgrund der guten Vernetzung der Norddeutschen Szene und somit auch nach Rostock wusste man schon relativ schnell, also 1 oder 2 Tage vor der „richtigen“ Eskalation, was sich dort zusammenbraute und die Infos über die Situation in Rostock wurden schnell weitergegeben. Die Szeneinterne Mobilisierung nach Rostock ging dann ziemlich schnell.

B.: Ich meine, dass ich es nur im Fernsehen gesehen oder im Radio gehört habe. Vielleicht wurde ich auch von Freunden darauf aufmerksam gemacht.

Üia: Was war für euch ausschlaggebend, nach Rostock zu fahren?

B.: Ich war über das Ausmaß der Ausschreitungen ziemlich geschockt, es ging ja über mehrere Tage ziemlich ab in Rostock, das Verhalten vieler Bürger, die dort wohnten, das Vorgehen der Polizei usw. fand ich ziemlich krass. Es war irgendwie klar, da dann zur Demo hinzufahren.

M.: Aufgrund der Situation in Rostock waren ich und viele andere schockiert und es war klar, dass man sofort was Unternehmen musste. Ich habe damals auch nicht großartig nachgedacht, was es bedeutete, nach Rostock zu fahren. Also natürlich war klar, dass es unter Umständen sehr Gefährlich werden könnte, aber das war angesichts der Vorkommnisse dort zweitrangig für mich.

ÜiA: Aus welchem Spektrum kamen die Leute, die damals nach Rostock fuhren?

B.: Es waren meist junge Leute, aber genaues weiß ich nicht mehr.

M.: Das war sehr gemischt, also natürlich alles aus „der Szene“, aber da die verschiedenen Spektren in der Stadt, in der ich damals wohnte, nicht so abgegrenzt voneinander waren, war quasi alles dabei, was die Szene zu bieten hatte. Also (Polit)Punks, Autonome, „Hippies“. Im Vergleich zu heute keine „klassische Antifa-Sportgruppe“.

ÜiA: Wie war die Situation in Rostock während des Pogroms?

M.: Für alle von uns, die damals nach Rostock gefahren sind, war das, was sich dort abspielte, etwas völlig neues, also im Hinblick auf die eigenen unmittelbaren Erfahrungen. Vorher war es so, dass man zwar immer öfter in militante Auseinandersetzungen mit Nazis auf der Straße verwickelt wurde und es auch dort des Öfteren zu gefährlichen Situationen kam, aber das war keinesfalls das, was uns in Rostock erwartete. Dadurch, dass ein großer Bürgermob vorhanden war, der die Nazis teilweise aktiv unterstützte, wurde bei uns die Unsicherheit verstärkt. Außerdem waren diverse Gerüchte im Umlauf, nicht nur was die Größe und die Dynamik des rassistischen Mobs betraf, sondern auch, wie das Vorgehen der Bullen vor Ort sein würde. Also es war schon klar, dass wir versuchen würden, vor Ort in Lichtenhagen zu intervenieren.
Aber nachdem ein Versuch nach Rostock-Lichtenhagen zu kommen, bzw. die Häuser in denen die Flüchtlinge bzw. die (Ex) „DDR-Vertragsarbeiter“ aus Vietnam wohnten, zu schützen, mehr oder weniger gescheitert war, entschieden wir uns wenigstens das JAZ (Anm.: Jugend Alternativ Zentrum) zu schützen. Einmal gelang es ja einigen von uns, einen großen Teil des Mobs für kurze Zeit vom „Sonnenblumenhaus“ zu vertreiben. Da man aber nur mit etwas über hundert Leuten unterwegs war, wäre ein Verbleiben an Ort und Stelle zu gefährlich gewesen. Es war ja auch unklar, wie lange man hätte vor Ort bleiben müssen. Und die Bullen, die den Mob Tagelang gewähren ließen, setzten alles daran, zu verhindern, dass Antifaschisten nach Lichtenhagen, geschweige denn in die Nähe des „Sonnenblumenhauses“ kamen.
Ferner gab es auch diverse Drohungen von Nazis, das JAZ anzugreifen. Also das war dann schon so, dass man dort stundenlang auf dem Dach lag mit der Zwille in der Hand und nicht wusste, ob die Nazis jetzt kommen oder nicht. Oder man beteiligte sich an der Infostruktur oder unterstützte die Infrastruktur des JAZ. So ging das mehrere Tage. Es herrschte allgemeine Verunsicherung vor Ort, angesichts des großen Mobs, der wenige Kilometer von uns entfernt tobte. Man darf auch nicht vergessen, dass die antifaschistische Gegenmobilisierung sehr spontan „organisiert“ wurde, weil für alles Andere ganz einfach keine Zeit mehr blieb.
Was mir positiv in Erinnerung geblieben ist, war die Tatsache, dass wir trotz allem relativ viele Leute vor Ort waren, das hat auch Mut gemacht. Man ist zwar, nachdem sich die Situation zum Wochenende hin etwas entspannte, mit einem mulmigen Gefühl nach Hause gefahren, um dann aber sehr entschlossen nach Rostock zur großen Antifa-Demo zurückzukehren.

ÜiA: An dem Wochenende nach dem Pogrom fand in Rostock eine antifaschistische Demo statt, an der sich ca. 20000 Menschen beteiligten. Wie gestaltete sich die Anreise?

B.: Vor der Demo hat die Polizei viele Busse aufgehalten und auch gekesselt.

M.: Die Bullen haben mit einem massiven Aufgebot weit vor Rostock, ich meine bei Bad Doberan, unsere Bus- und PKW Konvois aufgehalten und durchsucht. Desweiteren wurde auch jeder Einzelne akribisch durchsucht. Besonders krass fand ich die Massen an Bullen samt SEK´s, die u.a. mit diesen großen Hubschraubern (Anm.: Auch aus Gorleben und vom G8 in Heiligendamm bekannt) zu den Polizeischikanen auf der Anreise eingeflogen wurden. Auf einmal war gegen eine antifaschistische Mobilisierung all das möglich, was eine Woche zuvor gegen einen rassistischen Lynchmob noch unmöglich schien…

ÜiA: Wie war die Stimmung auf der Demo?

B.: Eher entschlossen und wütend!

M.: Es war eine sehr große Demo. Aber es war unheimlich, durch die Wohnghettos zu ziehen, die Parolen hallten von den Wänden und es war alles wie aus ausgestorben. Man kam sich wie ein Fremdkörper vor, man fühlte sich unerwünscht.

ÜiA: Wie reagierten die Anwohner auf die Demo?

M.: Wenn es Reaktionen gab, dann negative. Man sah ab und zu Gesichter hinter den Gardinen. Außer den Demonstrierenden waren kaum Menschen auf der Straße.

B.: Nicht gerade wenige haben aus den Fenstern geguckt und die wurden dann von einigen Leuten aus dem Demozug bepöbelt. Selbiges erlebte man aber auch umgekehrt. Also ich fand´s ganz schrecklich in Lichtenhagen: Die Wohnanlagen, das Umfeld, die Atmosphäre, viele Leute, die da wohnten…

ÜiA: Mit welchem Gefühl seid ihr aus Rostock abgereist?

M.: Innerlich sehr zerrissen. Es war ein gutes Gefühl, mit so vielen Leuten nach ganz kurzer Mobilisierungszeit durch Lichtenhagen zu demonstrieren. Das gab Kraft. Anderseits war da die Befürchtung, dass der Pogrom weitergehen wird und dass es die Bürger vor Ort nicht interessiert. Vor dem Hintergrund hatten wir ein ungutes Gefühl, die Rostocker Antifas wieder in diesem Klima alleine zu lassen.

ÜiA: Wie ging es danach weiter?

B.: Im November war dann der Anschlag in Mölln (Anm: Bei dem Brandanschlag durch Nazis auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser gab es neun z T. schwer verletzte und 3 Todesopfer, darunter 2 Kinder). Dort war ich danach dann auch auf der antifaschistischen Demo.

M.: Viele wurden in dieser Zeit politisiert, bzw. hatten das Bedürfnis etwas gegen den zunehmenden Naziterror zu unternehmen. Zu der Zeit war viel antifaschistisches Engagement zu spüren, es wurden Kontakte geknüpft zu Flüchtlingsheimen und es wurde Patrouille gefahren um diese zu schützen. Es gab des Öfteren Ankündigungen von Angriffen durch Nazis, Angriffe auf linke Projekte gab es auch immer wieder die Jahre über. In der Innenstadt der Stadt, in der ich damals wohnte, wurde den Nazis deutlich gemacht, dass sie sich dort nicht ohne massive Konsequenzen zu befürchten bewegen konnten. Rechte Wahlplakate überlebten im gesamten Stadtgebiet nicht eine Nacht…

ÜiA: Gab es Erfahrungen in HRO, die für Euch prägend waren?

B.: Bestimmt! So genau weiß ich das aber nicht mehr.

M.: So schockierend Rostock war, eine große Überraschung war es letztendlich nicht das so etwas möglich sein könnte(genauso wenig überraschend wie die Morde der NSU!). Es war letztendlich eine logische Konsequenz aus den Geschehnissen der Jahre zuvor und auch absehbar.
Es wurde in Rostock besonders deutlich, wozu ein deutscher Mob wieder in der Lage war (und ist).
Prägend… vielleicht insofern, als dass man umso mehr wusste, warum man wo steht und das es verdammt wichtig ist das niemals zu vergessen

Antifaschistische Gedenkdemo/Kundgebung:

25. August 2012:
11.00 Uhr – Kundgebung zum Gedenken an die Pogrome von – Lichtenhagen, Rathaus Rostock

14.00 Uhr – Bundesweite Demonstration
Ab Bahnhof Rostock-Lütten Klein

Mehr Infos u.a. unter: rassismus-toetet.de

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„Fuck U“ oder: die Sommerpause ist vorbei

Nach fast genau einem Monat Untätigkeit geht’s hier wieder los. Dieses Mal gibt’s was Neues aus Stink Fauli…, äh, Sankt Pauli. Dort haben sich einige Menschen im Rahmen einer gaaaanz anders Gedachten „Kunstaktion“ zur „Eventkultur“ in Hamburg, speziell auf St. Pauli, nonverbal geäußert und kommen damit jetzt so richtig groß raus! So groß, dass sie als deutlicher Gewinner eines Wettbewerbs hervorgehen und dazu noch einiges an medialer Aufmerksamkeit erhalten. Was war passiert?

Hamburg erlebt seit einigen Jahren eine Schwemme von „Events“. Die bekanntesten sind wohl der „Schlagermove“, der schon etwas in die Jahre gekommene Hafengeburtstag und (bis vor kurzem) die „Harley-Days“. Letztes Wochenende fanden dann gleich zwei „Events“ statt: Einmal die vom Atom- und Kohlestrom-Produzenten Vattenfall gesponserten „Vattenfall Cyclassics“, (ein Radrennen durch Hamburg) und die “Cruise-Days“, quasi dasselbe wie der Hafengeburtstag. Schiffe, bzw. Kreuzfahrtriesen und Feuerwerk gucken ist dann mal wieder die Devise. Genau dieses „Event“ sucht Hamburg in immer kürzeren Abständen und unter anderen Namen heim, so dass unweigerlich die Frage aufkommt, warum die „Cruise-Days“ am Wochenende einen Besucherrekord von einer viertel Million Menschen verbuchen konnten.
Wie dem auch sei: Viele Menschen sind von diesen mehr als langweiligen Veranstaltungen genervt, zum Teil auch deshalb, weil sich die Menschenmassen durch immer dieselben Viertel und Stadtteile schieben, hauptsächlich durch St. Pauli. Dieses Mal erstrahlte der Hafen anlässlich der „Cruise-Days“ in einem Licht, welches doch sehr den Neonröhren in Parkhäusern und Unterführungen ähnelt. Dies wurde dann Kunst genannt und verbrochen hat den „blue port“ Michael Batz, seines Zeichens „Lichtexperte“. In völliger Verkennung der Lage startete man bei dem Stadtportal hamburg.de eine Aktion, bei der alle Interessierten eigene Fotos von eben diesem Neonröhrenevent hochladen konnten. Dem Gewinner winkte dann ein Großabzug seines Fotos samt Widmung vom „Lichtexperten“. Außerdem sollte das Foto für eine Woche als Titelfoto der facebook-Seite von hamburg.de zu bewundern sein.
Und jetzt kommt das in der Überschrift schon angesprochene „Fuck U“ ins Spiel:
Als Kontrapunkt zur Hamburger Event“kultur“, welche in dieser Form einen ihrer traurigen Höhepunkte erreichte, errichteten einige Menschen auf der Fußgängerbrücke über die Hafenstraße ein kurzes und knackiges „Fuck U“:
fuck u blue port
Quelle: strassenfotografie.org

Und eben dieses „Fuck U“ wurde bei hamburg.de auf gleich 5 Bildern hochgeladen, die dann doch glatt mit großem Abstand zu den restlichen Fotos die Plätze 1-5 belegten: Während es die „Fuck U“-Bilder zusammen auf über 5000 Stimmen brachten, bekamen die übrigen Fotos zusammen etwa 50 (in Worten: Fünfzig) Stimmen. Dumm gelaufen also für die selbsternannten Imagepolierer von hamburg.de.
Nachdem man dann heute über das Hamburger Abendblatt verlauten ließ, dass man den Wettbewerb trotzdem weiterlaufen lassen würde, wenn auch unter veränderten Bedingungen, nämlich einem „Sieger der Herzen“ (Eins der „Fuck U“ Bilder) und einem „technischen Sieger“ (eins der Bilder mit den wenigsten Stimmen), verschwand das Ganze dann am Nachmittag von der Bildfläche alias hamburg.de.
Wie dem auch sei: Eine gelungene Aktion, die mit wenig Aufwand viel Aufmerksamkeit erreicht und die „Message“ erfolgreich rübergebracht hat. Und zudem entlarven sich die Macher des Wettbewerbs selbst, in dem sie ihre eigenen Spielregeln nicht einhalten und sich dann auch noch klammheimlich aus der Affäre zu stehlen versuchen. Was man mit ein paar Neonröhren doch erreichen kann…

blueport topliste
Screenshot der „blue port“ Topliste

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