Weniger „Ramschläden“- mehr Bauwagenplätze: Bewegung in Altona?

Während in der großen Bergstraße alles seinen gewohnten, bzw. den seit fast 2 Jahren erwarteten, Gang geht -IKEA kommt, wenn auch langsamer, als einigen lieb ist- mussten einige kleine Läden bereits dichtmachen. Medien wie das Hamburger Abendblatt schreiben von einer „Baugrube der Hoffnung“ (17.12.2011) und geraten ins Schwärmen:„An der Großen Bergstraße eröffnen immer mehr Geschäfte neu“. Klar, Mieter für die freigewordenen Flächen und Räumlichkeiten in der Großen Bergstraße wird es geben, bzw. gibt es schon. Was aber mit den alten Mietern passiert, spielt für Leute wie Mark Classen (SPD) oder die Steg (städtische „Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft“) wenn überhaupt eine eher untergeordnete Rolle. Schicksale wie das von Müslin Sahin werden zwar als „blöd“ bezeichnet, aber im Moment ist man „mit der Entwicklung noch relativ zufrieden“ (Lutz Schmitz, Steg, taz, 31.5.2011).
Als Ironie der Geschichte kann die Tatsache bezeichnet werden, dass es in den letzten Monaten sogar Befürworter der Umstrukturierungen getroffen hat, wie Beispielsweise den Verein „Integrationshilfe“ oder das Sanitätshaus Funke, beides alles andere als die vielgeschmähten „Ramschläden“. Eine weitergehende und vor allem sehr wichtige Frage ist auch, inwiefern eigentlich die Anwohner von den Veränderungen profitieren. Mal abgesehen davon, dass andere (und natürlich teurere) Läden in die Große Bergstraße ziehen, lassen sich sonst keine (positiven) Veränderungen feststellen. Negative sehr wohl: Die Verkehrssituation, die in manchen Gegenden von Altona-Altstadt schon jetzt unerträglich ist, verschärft sich, bzw. betrifft auch immer mehr Gebiete, die vorher relativ ruhig waren. Genauso verhält es sich mit den Mieten. Wenn in der Öffentlichkeit von „Verbesserungen“ die Rede ist, geht es in erster Linie darum, „dass Daddelhallen, Ramsch- und Handyläden wegziehen“ (taz, 31.5.2011). Schön, schön. Dafür kann man jetzt Wählen zwischen einem Feinschmecker- oder einem Computerladen á la Apple Store am Jungfernstieg. Außerdem hat nun auch Altona-Altstadt seit kurzem einen „Szene-Laden“ oder, besser gesagt, einen Treffpunkt für das Langweilermilieu, das „Klippkroog“.
Wenn man sich die Planungen für das neue Gebäude anguckt, wo zurzeit die „Preis-Oase“ und die „Santander-Bank“ residieren, ist bald auch der Goetheplatz zwischen IKEA-Klotz und 6 Stöckigem Neubau, in den eventuell C & A einzieht, verschwunden. So sieht der „Ikea-Effekt“ also aus. Nicht, dass dies jetzt sonderlich überraschen würde, schließlich liegt gleich einen Stadtteil weiter, in westlicher Richtung, Ottensen. Dort „profitiert“ man seit Mitte der 1990er vom „Mercado-Effekt“. Soll heißen: Unglaublich gestiegene Mieten und dadurch Vertreibung von etlichen Bewohnern des Stadtteils. Der dortige Bauspielplatz, den es dort schon 20 Jahre gibt, hat mit Spießern zu kämpfen, die kein Bock auf „Kinderlärm“ und Rauch von einem kleinen, für Bauspielplätze typischen, Feuer haben. Ein Schwimmbad (Bismarckbad) musste aufgrund von Profitgier dran glauben. Zudem gründete sich jüngst eine Bürgerinitiative gegen Straßenmusiker in der Ottenser Hauptstraße. Die Debatte über Straßenmusiker wird dann von einigen Rassisten dazu genutzt, im Stadtteil-Internet-Portal altona.info Stimmung gegen „rumänische Banden“ zu machen, die sich angeblich in der Einkaufstraße breit machen.
Ganz zu schweigen davon, dass der Stadtteil einen großen Teil seiner einstigen (Sub-)Kultur und damit seines Charmes verloren hat und jetzt an vielen Stellen ausschließlich durch Ödnis „glänzt“. Wobei „Glanz“ im Sinne von sauber und steril, bzw. Glas, Beton und Stahl hier eindeutig zutrifft…

Apropos (Sub-)kultur

Nach einigem hin und her zwischen Bauwagenplatz „Zomia“ und Bezirk um ein adäquates Ersatzgelände, zeichnet sich nun eine vorläufige Lösung ab. Unverhofft kommt oft und manchmal mehr als überraschend. Hatten doch große Teile der regierenden SPD dem Vorhaben, ein Gelände zu finden, immer wieder Steine in den Weg gelegt: Erst drohte (Ex-)Bezirkssheriff-Mitte-Schreiber (SPD) dem Wagenplatz mit Vertreibung aus Wilhelmsburg, dann wiederholte sich quasi dasselbe Spielchen im Bezirk Altona. Allerdings etwas weniger plump. Hier, im ach so toleranten Altona, lehnte die SPD zuerst alle vorgeschlagenen Ersatzflächen ab, um sich dann (widerwillig) auf ein Gelände an der Max-Brauer-Allee mit den Bewohnern zu verständigen. Wirklich in trockenen Tüchern scheint das Ganze (noch) nicht zu sein, aber immerhin: Der politische Druck, der in den letzten Monaten aufgebaut wurde, scheint sich (zumindest ein wenig) auszuzahlen.
Zum Schluss komme ich nochmal zum leidigen Thema „Szene-Läden“: Also eben Läden wie zum Beispiel das besagte „Klipp Kroog“ oder die „Bar Roosen“ auf St. Pauli. Die Band Kraftklub aus Karl-Marx-Stadt (auch als Chemnitz bekannt) hat einen sehr guten Text zum Thema „angesagte“ Städte (bzw. Stadtteile) und die ach so hippen, angesagten Leute, die dort unterwegs sind, geschrieben. Zwar geht´s im Text um Berlin, aaaaaber: Berlin ist ja mittlerweile (fast) überall…

Ich will nicht nach Berlin

Ich komme aus Böblingen bei Stuttgart – uncool!
Jetzt wohn‘ ich in Berlin, seit 18 Monaten
und muss sagen ich bin echt angekomm! – Aha!
Meine Kleidung unterstreicht meinen Charakter
Meine Brille ist nicht Vintage, verdammt die ist Retro!
Undercut und Jutebeutel, ich trinke Club Mate
oder gibts den café latte auch mit Sojamilch? – I like!
Die große Frage: Schreibt mich irgendjemand auf die Gästeliste? – Eh, naja – Bitte, bitte, bitte!

Doch auch wenn andere Städte scheiße sind..
Ich will nicht nach Berlin!
Und ich damit komplett alleine bin..
Ich will nicht nach Berlin!
Auch wenn dort alle meine Freunde sind..
Ich will nicht nach Berlin!
Will ich nicht nach Berlin!
Ich will nicht nach Berlin!

Ich habe da gerade so n‘ Projekt – super!
Noch nichts konkretes, aber sehr geil
Businessmäßig hab ich mich da noch nicht festgelegt
Irgendwas im „creative“ Bereich – Auf jedenfall!
Bloß kein nine to five job – No-Go! – find ich ja mega ätzend!
Genau, ich mach einfach einen Fashion Blog – geil!
Und laufe dann mit meiner Spiegelreflex durch Friedrichshain
und mache Fotos, von „Streetart“ und intressanten Leuten
Hauptsache hier in Berlin!

Doch auch wenn andere Städte scheiße sind..
Ich will nicht nach Berlin!
Und ich damit komplett alleine bin..
Ich will nicht nach Berlin!
Auch wenn dort alle meine Freunde sind..
Ich will nicht nach Berlin!
Will ich nicht nach Berlin!

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2 Antworten auf „Weniger „Ramschläden“- mehr Bauwagenplätze: Bewegung in Altona?“


  1. 1 eman 04. März 2012 um 15:39 Uhr

    „Ein Schwimmbad (Bismarckbad) musste aufgrund von Profitgier dran glauben.“
    …die herleitung von auswirkungen der gentrifizierung zum kapitalimus und die kritik daran üben wir aber nochmal. profitgier, is ja peinlich schon fast.

  2. 2 Administrator 10. April 2012 um 18:49 Uhr

    Na, dann klär´ uns doch mal auf!

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