Von „neuen Dimensionen“ und deutschen Zuständen

Gedanken anlässlich der Demo am 28.1. in Hamburg unter dem Motto „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

Die „neue Dimension“

Als angeblich „neue Dimension“ wurden die Morde der Nazi-Terrorgruppe „NSU“ („Nationalsozialistischer Untergrund“) nach bekanntwerden im November 2011 bezeichnet. Ungehindert von staatlichen Behörden wie dem Verfassungsschutz und der Polizei konnten mindestens 3 Nazis über 10 Jahre lang morden. Die Polizei ermittelte fast ausschließlich in der türkischen Community, während Nazis als Täter nicht in Betracht gezogen wurden. Das BKA ging 2005 davon aus, dass „die Opfer in Verbindung mit türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden“* standen, der Spiegel schrieb 2006 von einer „schwer durchdringbare(n) Parallelwelt der Türken“*, die die Mörder schütze. Bald darauf machte die Bezeichnung „Döner-Morde“ die Runde, die sich schnell in den deutschen Medien verbreitete. Die eingerichtete Sonderkommission der Polizei bekam den vielsagenden Namen „Bosporus“. Alles ganz im ganz im Sinne der rassistischen Klischees, die hierzulande durch die Öffentlichkeit geistern. Da wirkt es wie ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn im Nachhinein „Döner-Morde“ zum Unwort des Jahres erklärt wird, bzw. wirft die Frage auf, warum diese Bezeichnungen vorher durch kaum jemanden hinterfragt wurden. Und die Konsequenzen? Hans-Peter Friedrich und sein Innenministerium nutzen die Gunst der Stunde und vollziehen den ersten Schritt zur langersehnten Vorratsdatenspeicherung in Form einer „zentralen Neonazi Kartei“.
Apropos „neue Dimension“: Von Anfang der 1970er bis 1980 gab es in Deutschland schon einmal eine Nazi-Terrorgruppe, dessen Angehörige verharmlosend als „halbverrückte Spinner“ bezeichnet wurden. Diese agierte unter dem Namen „Wehrsportgruppe Hoffmann“. Mindestens ein Angehöriger der Gruppe legte 1980 eine Bombe auf dem Münchner Oktoberfest, die 13 Menschen tötete. Nur ein paar Monate später ermordeten Angehörige der selben Gruppe den jüdischen Verleger Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke. Monatelang suchte die Polizei ausschließlich innerhalb der jüdischen Gemeinde nach den Tätern.
Auch im Fall des Amoklaufes des rechtsextremen Anders Breivik, der in Norwegen im Juli 2011 77 Menschen ermordete, wurde in den Medien erst ein islamistischer Terroranschlag vermutet,obwohl es dafür überhaupt keine Anzeichen gab.

Extremismus der „Mitte“

Spätestens seit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ treten Rassisten jeglicher Couleur immer selbstbewusster auf. Allerdings gibt man sich jetzt einen intellektuellen Touch: Statt wie die CDU in 1980er Jahren „das Boot ist voll“-Parolen in die Welt zu setzen (die später von der rechtsextremen Partei „die Republikaner“ übernommen wurden), oder zu behaupten, dass „die Ausländer den Deutschen die Arbeit und die Wohnungen, ja sogar die Frauen wegnehmen“, führt man jetzt „längst überfällige Integrationsdebatten“ und redet in Talkshows über „unbequeme Wahrheiten“. Die Rede ist dann Beispielweise vom „Judengen“ oder „Kopftuchmädchen“ und „türkischen Gemüsehändlern“, die „genetisch Bedingt dümmer sind als „Deutsche“. In Kleingärten, wie zum Beispiel in Norderstedt, führt man Ausländerquoten ein weil es sonst angeblich schwierig wäre, „die (Kleingarten)Gemeinschaft zusammenzuhalten“. Währenddessen wird das Buch „Deutschland schafft sich ab“ vom Sozial-Rassisten Thilo Sarrazin Verkaufsschlager und ist mittlerweile nach dem Duden und der Bibel das meistverkaufteste Sachbuch Deutschlands. Das gesellschaftliche Klima ist dem nach der „Wiedervereinigung“ 1989/90 ähnlich. Rassisten, egal ob Spießer im Kleingartenverein oder dumpfer Straßenschläger, fühlen sich „im Recht“. Sie sind es, die sich der klammheimlichen oder offenen Zustimmung eines großen Teils der „weißen“, „deutschen“ Bevölkerung sicher sein können. Aus dieser Position heraus werden diejenigen angegriffen, die nicht ins rassistische Weltbild passen.
Ein aktuelles Beispiel, wie schnell der deutsche Mob mobilisierbar ist, ist Dessau. Dort marschierten am 16. und dem 21.1.2012 nach einer Messerstecherei Nazis und „ganz normale Bürger“ unter „Deutschland den Deutschen, Ausländer Raus“-Rufen durch Dessau. Gegen den Aufmarsch protestierende Antifaschisten wurden mit Sprüchen wie „Ihr Mistschweine“ bedacht. Doch nicht nur deswegen geriet Dessau in der letzten Zeit in die Schlagzeilen: Am 7. 1.2012 wurden Teilnehmer einer antirassistischen Demonstration von Polizisten wegen der Parole „Oury Jalloh – Das war Mord!“ krankenhausreif geschlagen. Am 7.1. 2005 verbrannte Oury Jalloh in einer Gewahrsamszelle der Polizei. Laut Darstellung der Polizei soll Oury Jalloh, obwohl seine Hände und Füße an Wand und Boden „fixiert“ waren, sich mittels eines in die Zelle geschmuggelten(!) Feuerzeugs selbst angezündet haben.

Nazis und Rassisten im „weltoffenen und liberalen“ Hamburg (ein unvollständiger Überblick)

Egal ob Stadteile wie Bramfeld, Winterhude oder das ach so tolerante, „multikulturell geprägte“ Altona: Auch wenn viele Menschen dies nicht wahrhaben wollen- rassistische Angriffe sind überall möglich. Auch in Altona gibt es Orte, zum Beispiel den Altonaer Bahnhof, an denen es zumindest temporär (z. B. nach manchen Fußballspielen) gefährlich ist für Menschen, die „anders“ aussehen. Zwar bekommen Parteien wie die NPD in Altona wie auch im restlichen Hamburg im Vergleich eher wenig Stimmen. „Rechtspopulisten“ wie zum Beispiel Ronald Barnabas Schill mit seiner PRO-Partei („Schill-Partei“) konnten bei der Bürgerschaftswahl 2001 in Altona, neben Stadtteilen wie Wilhelmsburg, die meisten Stimmen verzeichnen. Hamburgweit kamen sie auf knapp 20% der Stimmen. Geprägt war der Hamburger (PRO) Wahlkampf 2001 unter anderem von Stimmungsmache gegen „schwarzafrikanische Drogendealer“ und die offene Drogenszene. Dies wurde seinerzeit vor allem von den Springer-Medien aufgegriffen und verbreitet. Auch einige andere Parteien beteiligten sich an der Hetze. Ergebnis war, dass die SPD, damals unter dem Vorsitz des heutigen Bürgermeisters Olaf Scholz, Brechmitteleinsätze gegen vermeintliche Drogendealer einführte. Bei einem dieser Einsätze starb im Dezember desselben Jahres Aichidi-John.
Des weiteren gibt es auch in Hamburg militante Nazigruppen, aktuelles Beispiel ist die „Weiße Wölfe Terrorcrew Sektion Hamburg/Hamburger Nationalkollektiv“. Vor allem in Bramfeld oder Harburg sind die „freien Nationalisten“ aktiv. Aus diesen Kreisen gab es auch immer wieder Versuche, Treffpunkte, bzw. Läden für Szenebekleidung zu etablieren. Dies scheiterte bisher aber immer am antifaschistischen Widerstand, bzw. am eigenen Unvermögen und dem „plumpen“ Auftreten der Nazis. Bekanntes Beispiel ist Volker Fuchs, der 2005 versuchte, einen Klamottenladen in der Talstraße auf dem Kiez zu etablieren.
Konfrontationen mit Nazis sind auch in Hamburg keine Seltenheit. Beispielsweise wurde 2011 ein Tatooladen-Besitzer von Nazi-Kader Thomas „Steiner“ Wulff sowie zwei weiteren Nazis unter anderem mit einer Axt angegriffen. Kurz zuvor waren einige Wahlplakate der NPD vor dem Laden des Tätowierers entfernt worden. Angriffe ähnlicher Art kamen in den letzten Jahren immer wieder vor, nur durch Zufall gab es keine Toten.
Anders 1985: Damals war Hamburg Schauplatz von zwei kurz nacheinander tödlich verlaufenen Angriffen. Mehmet Kaymakcı und Ramazan Avci wurden von Naziskinheads erschlagen, nachdem sie sie vorher durch die Straßen gejagt hatten. Der oben genannte „NSU“ verübte 2001 den Mord an Süleyman Taşköprü in Bahrenfeld.
Auch wenn es in der letzten Zeit insgesamt etwas ruhiger wurde um die militante Naziszene (zumindest, was Aufmärsche angeht): Nachdem die letzten Aufmärsche und Kundgebungen für die Nazis eher nicht zufriedenstellend verliefen, verwiesen sei hier z.B. auf den fast im Desaster geendeten Aufmarsch am 1. Mai 2008 in Hamburg-Barmbek und die Kundgebung am Berliner Tor 1 Jahr später, will man im Juni 2012 einen neuen Versuch unternehmen: Dann soll nämlich der „Tag der deutschen Zukunft“ in Hamburg stattfinden…

HIER gibt es den Aufruf für die morgige Demo und vieles mehr!

*Zeitschrift „Der rechte Rand“, Feb. 2012, Nummer 147

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1 Antwort auf „Von „neuen Dimensionen“ und deutschen Zuständen“


  1. 1 dead kennedy 11. Februar 2012 um 1:43 Uhr

    FEIN!!!!!!so wie der ganze Blog!
    schwarzroten Gruss aus Südelbien!

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