Panic in the Streets of Hamburg

1200 Polizisten. Da war ich dann doch überrascht, diese Zahl in der Mopo zu lesen. Nicht unbedingt wegen der Höhe, schließlich ist so eine Masse ja schon seit einigen Jahren typische Begleiterscheinung bei linken Demos, nicht nur in Hamburg. Aber dass sie dieses Mal kaum wahrnehmbar waren, das hat mich schon etwas überrascht. Kennt man so eigentlich nicht. Wenn Menschen für Bauwagenplätze und ähnliches in Hamburg auf die Straße gingen, war es immer Standard, dass diese Demos dann auch von einem entsprechenden Aufgebot „begleitet“ wurden. „Deeskalation durch Stärke“ wird sowas dann genannt. Typisch orwellscher Sprachgebrauch von Law and Order-Fanatikern eben. Nein, heute sollten die tausenden Touristen und Weihnachtseinkäufer in der Innenstadt ungestört konsumieren. Und da könnten weiße Helme, Prügelorgien und Wasserwerfer eher das Gegenteil bewirken. Nicht, dass sich der Einzelhandel nachher wieder beschwert. Allzu lange sollte die dezente Zurückhaltung dann doch nicht anhalten, aber der Reihe nach:

An einigen mehr oder weniger zentralen Punkten in der Stadt sollte unter dem Motto „Access all Areas“ gegen „kapitalistische Stadtendwicklung und steigende Mieten“ demonstriert werden. Ob nun in Harburg für ein selbstverwaltetes Kulturzentrum, gegen den für einige Schweinereien Verantwortliche Markus Schreiber (Bezirksamtschef Mitte), für ein autonomes Zentrum in Altona und für, beziehungsweise gegen, vieles mehr. Besonders gespannt war ich auf die öffentliche Präsentation eines Geländes für einen neuen Bauwagenplatz, von der ich allerdings nichts mitbekommen habe. Für uns ging es um 15:00 Uhr in Ottensen am Alma-Wartenberg-Platz los, zur „Weihnachtsfeier im Exil“ des autonomen Zentrums Altona. Am Ort des Geschehens herrschte eher ruhiges treiben, ca. 30 Leute (Tendenz steigend) standen um einen Tapeziertisch mit Transparent und Glühwein, dazu wurden Flugblätter an geneigte Passanten verteilt. Nicht unbedingt etwas für mich. Und so machte ich mich mit meinen beiden Mitstreiterinnen auf den Weg in die City. Erwähnt werden muss hier allerdings noch, dass es im Anschluss sehr wohl noch etwas umtriebiger wurde in Altona: Unter anderem soll das Einkaufszentrum „Mercado“ mittels eines „Ernie + Bert-Flashmobs“ unter Parolen für ein AZ-Altona geentert worden sein, was eine Hundertschaft der Hamburger Polizei angelockte. Diese konnte allerdings weder Ernie noch Bert ausfindig machen.

Kochtöpfe und teure Uhren

Unsere nächste Station war derweil der Hachmannplatz: Dort wurde unter dem Motto „Hamburg ist kein Schreibergarten“ zum Sturz des „Bezirksamtssheriff“ Schreiber aufgerufen. Hier waren dann auch mehr Leute vor Ort. Leider war die Anlage entschieden zu leise und die Redebeiträge deshalb nur mäßig zu verstehen, aber man merkte ohnehin, dass es die Mehrheit der Leute in Richtung Mönckebergstraße zog. Die Mönckebergstraße ist übrigens die Straße, in der spätestens seit den Bambule-Protesten ein faktisches Demo-Verbot für linke Demonstrationen herrscht. Bis auf wenige Ausnahmen wurden angemeldete Demos entweder im Vorfeld durch Polizei und Gerichte untersagt, oder, wie bei der letzten Demo für den Bauwagenplatz „Zomia“, durch Polizeiketten und Wasserwerfer verhindert. Als Begründung musste seinerzeit herhalten, dass die Polizei den Verkehr in der Innenstadt nicht regeln könne. Von Medien wie Mopo, Hamburger Abendblatt und Co wurde im Anschluss fälschlicherweise verbreitet, dass die Demo von den Veranstaltern wegen Stein- und Flaschenwürfen aufgelöst worden war. Sowas passiert eben, wenn man Presseerklärungen der Polizei (gewollt?) unhinterfragt abdruckt. Aber zurück zum Geschehen: Auch wir begaben uns dann bald zum Mönckebrunnen, dort würden die „Hells Bells“ doch bestimmt gut zu hören sein. Und so war es dann auch. Kurze Zeit später zog eine kleine, aber feine Spontandemo mit lautem Kochtopfgeklapper und Sprechchören durch die Mönckebergstraße. Wir begleiteten diesen ungefähr 50 Leute zählenden Mob bis zum Rathaus, der dann noch einmal um die Höhle des Löwen herumzog. Währenddessen hatten einige der Beamten der Polizeireiterstaffel alle Mühe, ihre Pferde unter Kontrolle zu halten, die sichtlich gestresst vom Lärm der Kochtöpfe waren. Dies waren, bis auf einige wenige Wannen und vereinzelt umher stehende Grüppchen, die einzigen sichtbaren heldenhaften Beschützer des Weihnachtsrummels. Wir gingen derweil zurück zum Mönckebrunnen, denn das konnte ja noch nicht alles gewesen sein! In Erwartung der einen oder anderen größeren, spontanen Aktion vertrieben wir uns die Wartezeit an den Schaufenstern eines Juweliers, der in seinen Auslagen so einige Schnäppchen zu bieten hatte: Z.B. Uhren für über 123000 €. Wer was zum Schreiben brauchte, war schon ab 180 € dabei. Schlüsselanhänger konnte man dort auch erwerben, aber ich vermied es dann lieber, auf die Preisschilder zu gucken. Der ganze Weihnachtstrubel hatte einem sowieso schon aufs Gemüt geschlagen.
Kurze Zeit später dann Sprechchöre, von allen Seiten strömen Menschen auf die Straße, ein Transparent ist zu sehen und dann geht’s auch schon unter den bekannten Parolen los: „Miete verweigern, Kündigung ins Klo, Plätze besetzen sowieso!“ Wieviele Leute es waren, ließ sich schwer schätzen, ich tippe mal auf Maximal 300. Jetzt ging alles ziemlich schnell. Wir hatten einige Mühe, uns rechtzeitig einzureihen. Auf Seiten der Polizei war es nun auch mit der dezenten Zurückhaltung vorbei. Von allen Seiten weiße Helme und schwarze Uniformen, weiter hinten wurde die Straße durch eine Polizeikette versperrt. Die Demospitze bog ab in Richtung Weihnachtsmarkt. In dem Moment waren schon einige Helden in Uniform auf unserer Höhe, Schubsten und Knüppelten wahllos Leute und es sah verdächtig nach einem Kesselungsversuch aus, der aber dann aufgrund völliger Planlosigkeit fehlschlug. Stattdessen passierte nun das, was man desöfteren in Situationen beobachten kann, wenn den Uniformierten der Überblick flöten geht: Direkt neben mir wurden zwei Omis umgerannt und Passanten verfolgt. Bis auf die Demoteilnehmer und die Spielverderber der Polizei schienen die restlichen paar hundert Menschen nicht so recht zu wissen, was gerade abging. Panisches Kreischen und Schreien seitens derjenigen, die eigentlich einen entspannten Weihnachtsshopping-Day verbringen wollten. Zu hören waren nun aus allen Ecken Sprechchöre für Bauwagenplätze, aber auch sowas wie „Helga, wo bist Du?“ und „Oh mein Gott!“. Also quasi Bambule-Memorial. Nach kurzer Suche fand ich auch meine Leute wieder und zog mich mit ihnen etwas abseits auf die andere Straßenseite zurück. Gegenüber war dann doch ein kleiner Polizeikessel entstanden. Knapp 10 Leute sahen sich nun umringt von mindestens doppelt so vielen Menschen mit Helm und Tonfa in der Hand. Auf einmal änderte sich die Situation schlagartig! Die Straße leerte sich und aus der Ferne konnte man schreckliches Weihnachtsgedudel hören. Als wenn das Ganze geplant gewesen wäre, kam nun ein Weihnachtsumzug die Straße runter. Viele Leute, die eben noch panisch umherirrten, um die lieben Verwandten zu suchen, standen nun wieder in trauter Eintracht am Straßenrand. Auch die beiden Omis waren wieder da und erfreuten sich an Unmengen an Kunstschnee, der in die Luft gepustet wurde und an als Rentieren sowie Nikoläusen verkleideten Kindern. Einige Damen jüngeren Alters tanzten und sangen derweil zu schlechter Weihnachtsmusik auf einem der Festwagen. Angesichts so viel Wahnsinns waren wir endgültig Fassungslos. Anders jedoch unsere Shoppingwütigen Mitbürger: Die waren völlig aus dem Häuschen und knipsten was das Zeug hielt. Prügel und Chaos schienen vergessen. In dieses völlig abstruse Bild fügte sich relativ harmonisch der immer noch bestehende Polizeikessel ein, der niemanden zu stören schien. Spätestens jetzt reichte es uns. Wir beschlossen, uns vom Ort des Geschehens zu entfernen. Ich machte noch kurz einen Abstecher zum Polizeikessel, wurde aber sofort mit den Worten „Sie behindern hier eine Polizeiliche Maßnahme“ unsanft zurückgestoßen…

Gegen Hexen…

Zuhause angekommen ist man auf einen netten Abend in der Lobusch, beziehungsweise in der Flora eingestellt und dann muss man in der Online-Ausgabe der Mopo lesen: „Voll war es in der Innenstadt. Geschäftig eilten die Menschen von Laden zu Laden, um am letzten Sonnabend vor Weihnachten noch Geschenke zu besorgen. Viele blieben überrascht stehen, als plötzlich Blaulicht aufblinkte und laute Rufe erschallten: „Gegen die Hexe (gemeint war Bausenatorin Jutta Blankau), gegen Gesetze, für mehr Bauwagenplätze“.
Bitte? Gegen die Hexe??? Liebe Geli Tangermann! Wenn man schon keine Ahnung von linker Demokultur hat, Parolen nicht versteht und sich auch nicht traut mal nachzufragen: Warum lässt man es dann nicht einfach mit der Karriere als rasende Reporterin bei der Mopo?!
In diesem Sinne:

Gegen die HETZE, gegen Gesetze, für mehr Bauwagenplätze!

Eine Auswertung des Tages gibt es übrigens hier

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